"Liebe" (Tante) Katharina...

Zu meiner derzeitigen Familiensituation:

Liebe (Tante) Katharina,
Ich habe diesen Brief geschrieben, um endlich einmal Klartext zu verkünden. Was ich zu sagen habe, dreht sich nicht um meine Schwester, sondern ausschließlich um meine Sicht der Dinge.
Beginnen wir dort, wo unsere heutige Situation ihren Anfang nahm.
Meine Mutter hat sich von meinem Vater, deinem Bruder, getrennt. In der heutigen Zeit ist dies etwas völlig Alltägliches. Und einzig und allein Sache derer, die sich getrennt haben. Als du davon erfahren hast, warst du diejenige, die meine Mutter ausgestoßen hat. Somit habe auch ich mich von Dir distanziert. Nicht wegen der Tatsache, dass du es nicht ertragen konntest, sie in Deiner Nähe zu haben. Sondern weil Du es aus irgendwelchen Gründen nicht lassen konntest, dein Bedauern über ihre Abwesenheit vorzuheucheln.
Mein Vater hat so viel Mist gebaut, immer und immer wieder. Das kannst Du nicht leugnen, besser, Du kannst es gar nicht wissen und verstehen, denn Du warst nie dabei gewesen.
Sag’ mir, wie fühlt sich ein Kind, das von der Schule heimkommt mit der Angst im Nacken, der Vater könnte wieder einmal einen schlechten Tag gehabt haben und seine Missmutigkeit zum wiederholten Male an ihm auslassen?
„[...]Das Kind kommt von der Schule heim, will um die Ecke gehen. Zunächst sieht es sich vorsichtig um, ob das Auto der Eltern irgendwo geparkt steht, es will wissen, ob der Papa daheim ist. Als es das Auto sieht, steigt Unmut und Furcht in ihm hoch, es will sich dagegen sträuben, weiterzulaufen, aber es gibt keine andere Möglichkeit, denn schließlich warten oben auch die Mama und das kleine Schwesterchen [...]“
Ich kann mich nicht erinnern, dass er ein einziges Mal ohne sarkastischen Unterton gelacht hätte oder dass er mir geduldig und ohne zu schreien etwas erklärt hätte.
Ich bin kalt, eiskalt. Was glaubst du, wieso? Wieso mir Worte wie die Deinen zum einen Ohr hinein- und aus dem anderen wieder hinausgehen? Weil meine Mutter sich von meinem Vater getrennt hat? Nein, weil sie zu lange mit ihm zusammen war. Weil ich viel zu lange einem psychisch labilen Vater ausgesetzt gewesen bin, der nicht in der Lage ist, sein Glück zu schätzen. Er hatte eine Frau, Kinder, einen recht guten Lebensstandard, mehr als ein durchschnittlicher Bürger in der aktuellen politisch-wirtschaftlichen Lage erwarten kann. Es gibt nun mal keine Entschuldigung für einen Charakter, eine Person – auch für ihn nicht. Wenn ihm irgendetwas in seinem Leben mehr bedeuten würde als er selbst, könnte er seine Fehler erkennen und sich ändern. Meine Mutter hat 20 Jahre lang versucht, ihn glücklich zu machen, aber es hat sich als reine Zeitverschwendung herausgestellt. Ich sehe nicht ein, warum ich versuchen sollte, ihm zu helfen.
Ich habe jahrelang Tränen vergossen wegen ihm. Bis zu dem Zeitpunkt, da er die beiden Menschen, die ich am meisten liebe, meine Mutter und meine Schwester, so kaputt gemacht hat, wie ich mich seit Jahren fühle. An jenem Abend war ich zum ersten Mal in meinem Leben so wütend auf jemanden, dass ich es nicht einmal fertig brachte, zu weinen. Erzähl mir also nicht, ich soll ihm verzeihen. Du bist kein Stück besser, meiner Mutter hast du bis heute nicht verziehen. Sie wollte lediglich ein glückliches Leben für sich und ihre Kinder. Auch wenn du der Meinung bist, eine Scheidung sei unchristlich oder Sonstiges. Ich glaube, Gott hat meinem Vater meine Mutter geschickt um ihm zu helfen, ein glücklicher Mensch zu werden. Doch mein Vater hat dieses Geschenk nie zu schätzen gelernt. Letztendlich hat Gott dann eingesehen, dass es keinen Sinn macht und ihr einen Engel geschickt, der ihr riet, einen Neuanfang zu wagen. Das hat sie auch.
Seitdem er weg ist, fühle ich mich gelöst und glücklich.
“[...] Das Kind kommt nun von der Schule heim. Unbeschwert biegt es um die Ecke, sieht das Auto der Mutter und denkt an die Zeit, zu der es Angst hatte und ist glücklich, dass alles gelaufen ist, wie es ist. Es stürmt nun geradezu die Treppen nach oben, an den Esstisch und erzählt strahlend von der gut gelaufenen Abfrage in Geschichte...[...]“
Ich bin meiner Mutter unendlich dankbar, dass sie den Rat des Engels, den Schreien ihres Herzens gefolgt ist und uns drei gerettet hat.

Deine Nichte

14.10.06 18:49

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Bibi (21.10.06 18:06)
Baby, ich liebe dich, k...?

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